„Dresden ist eine sichere Stadt“

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INTERVIEW Polizeipräsident Horst Kretzschmar ist seit 38 Jahren Vollblutpolizist, begann als Zugführer bei der Bereitschaftspolizei und kommandierte das Spezialeinsatzkommando. Nach Stationen in Dresden und Leipzig leitet der 56-Jährige seit einem Jahr das Polizeipräsidium Dresden. Im Interview mit Pascal Ziehm spricht er über gefühlte Sicherheit, langem Atem, den inneren Kompass und seine Motivation.

Hand aufs Herz: Wie sicher können wir uns in Dresden fühlen?

Dresden ist eine sichere Stadt, davon bin ich zutiefst überzeugt. Allerdings haben wir eine riesige Diskrepanz zwischen der gefühlten Sicherheit der Bürger und der tatsächlichen Sicherheitslage, die wir als Polizei registrieren.

Aber wie sieht die Realität aus?

Mit rund 60.000 Straftaten pro Jahr haben wir seit etwa drei Jahren eine konstante Kriminalitätsbelastung in unserer Stadt – mit der angespannten Situation in anderen deutschen Großstädten wie Berlin, Hamburg oder Köln überhaupt nicht vergleichbar.

Drei Dinge fallen jedoch auf: Erstens der Anstieg der nichtdeutschen Straftäter, der inzwischen immerhin ein Viertel ausmacht. Zweitens die Zunahme von Gewaltdelikten und drittens der leichte Anstieg bei den Sexualstraftaten. Trotzdem bleibe ich dabei: Dresden ist sicher.

Wie entgegnet die Polizei dem Unsicherheitsempfinden der Bürger?

Wir müssen den Bürgern erklären, welche Aufgabe die Polizei hat und über welche Fähigkeiten wir verfügen. Dazu zählt auch ganz klar unsere Präventionsarbeit vor Ort, etwa in Schulen, bei Unternehmen, bei Bürgerforen. Uns ist es wichtig, gegenüber den Menschen ein Grundvertrauen in unsere Arbeit zu verschaffen.

PEGIDA, Demonstrationen, der 13. Februar, Fußball – Dresdens Polizei ist mit Großeinsätzen ganz schön gefordert. Halten Sie durch?

Natürlich, denn wir haben gar keine Alternative. Alle anderen können fernbleiben oder weggehen, wir können das nicht. Als Polizei müssen wir uns immer der Lage stellen. Es ist nun mal unsere Pflicht dort zu sein, wo sich Störungen entwickeln können, und für Sicherheit sorgen.

In Dresden haben sich besondere Kriminalitätsschwerpunkte herausgebildet, etwa der Wiener Platz und der Hauptbahnhof oder die Äußere Neustadt. Wie ist die Lage?

Gerade in der Äußeren Neustadt verzeichnen wir einen Kriminalitätszuwachs. Dieser ist zwar im Vergleich zu anderen Stadtgebieten höher, aber in Anbetracht der Gesamtsituation

in unserer Stadt für uns noch nicht dramatisch. Trotzdem betrachten wir die Rauschgiftkriminalität in der Neustadt und am Wiener Platz mit Sorge.

Wie gehen Sie gegen den Drogenhandel vor?

Wir versuchen mit langem Atem starke Präsenz zu zeigen. Diese Strategie zeigt Erfolg. Dem Dealer den Drogenhandel nachzuweisen, das ist es, was uns fordert. Häufig müssen wir ein und denselben Dealer mindestens dreimal festnehmen, damit wir ihm den Drogenhandeln auch gerichtsfest beweisen können. Erst dann reicht es für die Justiz, Strafantrag stellen und den Dealer womöglich auch hinter Gitter bringen zu können. Als Polizei wissen wir, was notwendig ist, um das zu erreichen. Wir werden nicht müde.

In der Neustadt gab es sie bereits, am Wiener Platz wird sie immer wieder gefordert: Was halten Sie aus polizeilicher Sicht von Videoüberwachung an Kriminalitätsschwerpunkten?

Man sollte vorsichtig sein, Videoüberwachung als Allheilmittel der Verbrechensbekämpfung zu begreifen. Bei der Strafverfolgung ist sie durchaus geeignet, aber nur bedingt ein Mittel, mit dem sich Straftaten verhindern lassen. Denn an Hinweisschilder und Kameras gewöhnen sich nicht nur Bürger, sondern auch Kriminelle.

Was wäre Ihr Mittel der Wahl?

Auch wenn es mühsam und fordernd ist: Razzien und die polizeiliche Präsenz sind immer noch am erfolgversprechendsten. Sie müssen sich vorstellen: Das Abarbeiten von Videoaufnahmen kostet genauso viel Kraft und ist am Ende zeitintensiver als der komplexe Polizeieinsatz vor Ort. Denn wenn wir taktisch klug vorgehen, greifen wir die Täter auf frischer Tat. Mit Videoaufnahmen haben wir nur einen Momentausschnitt und laufen den Ereignissen hinterher.

Personalmangel bei der Polizei ist ein Dauerthema und eine politische Dauer-Herausforderung: Wie gut sind Sie personell aufgestellt?

Ich bin sehr glücklich darüber, dass sich die vom Landtag geforderte Fachkommission für mindestens 1.000 zusätzliche Beamte für die sächsische Polizei ausgesprochen hat. Die jährlichen Ausbildungszahlen junger Bewerber wächst bereits schrittweise von 400 auf 800. Jetzt gilt es aus der Polizei heraus die Ausbildungskapazität zu decken und geeignete Bewerber zu rekrutieren. Ich bin da sehr optimistisch. Trotzdem dürfen wir nicht vergessen, dass viele Kollegen in den verdienten Ruhestand gehen. Bis 2019 werden wir erst einmal beschäftigt sein, diese Abgänge durch Neueinstellungen auszugleichen. Erst dann wird es nach und nach bis ins Jahr 2024 einen Zuwachs geben.

Um kurzfristig zu entlasten, hat die CDU/SPD-Koalition die Wachpolizei wiedereingeführt – von der Opposition als „Hilfssheriffs“ verschrien. Wie zufrieden sind Sie mit den Frauen und Männern?

Die Kritiker irren. Denn wir profitieren ganz klar von dieser Idee – jeder der 120 Wachpolizei-Kollegen im Polizeipräsidium Dresden ist ein Gewinn. Um es ganz klar zu sagen: Wer heute bei der Wachpolizei ist, hat in meinen Augen auch das Zeug für den regulären Streifendienst, auch wenn die Kompetenz gegenwärtig auf den Objektschutz und die Personenüberwachung beschränkt ist.

Was die Bewerber angeht: Müssen junge Menschen, die heute zur Polizei gehen, aus einem anderem Holz geschnitzt sein?

Ja, die Anforderungen haben deutlich zugenommen. Der Polizist von heute entspricht überhaupt nicht mehr dem von vor 50 Jahren. Wir brauchen hochkommunikative Menschen, körperlich fit, intelligent, politisch interessiert und felsenfest zu unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung stehend. Jeder Beamte muss die Werte unserer Gesellschaft schätzen, die er verteidigt. Wer nicht damit klar kommt, einen Konflikt zu lösen, den zwei andere Menschen miteinander haben, der ist bei uns falsch.

Trotzdem sind Polizisten Menschen, die alltägliche Erfahrungen machen, die das eigene Wertefundament ins Wanken bringen können. Wie schwierig ist es für Sie, den Kompass Ihrer Beamten auf Kurs zu halten?

Natürlich müssen wir immer daran arbeiten – gerade weil unser Beruf die Gefahr für ein gewisses Abdriften birgt. Wir stehen stets zwischen den Fronten, ziehen häufig den Konflikt auf uns. Es ist nur allzu menschlich, wenn man nach Dienst auch mal die Nase voll hat, gerade weil der Dank an unserer Arbeit recht gering ist. Aber das wenige Lob, das uns zuteil wird, wirkt dann doppelt.

Häufig wird der mangelnde Respekt gegenüber der Polizei beklagt. Beamte werden bepöbelt, sogar angegriffen: Wie nehmen Sie die Situation wahr?

Angepöbelt wurden wir schon immer. Egal, ob wir bei der Absicherung von Fußballspielen oder Großdemonstrationen zwischen den verfeindeten Lagern standen. Wir haben immer das Problem: Treten wir zu präsent auf, fühlt sich mancher bedroht. Halten wir uns zu sehr im Hintergrund, wirft man uns vor, wir hätten die Lage nicht im Griff. Mit Kritik an unserer Arbeit sind wir inzwischen schmerzerfahren.

Wie ist es dabei um die Motivation Ihrer Beamtinnen und Beamten bestellt?

Das Beklagen darüber nimmt zu, allerdings ist das Fell auch dicker geworden. Die meisten Polizistinnen und Polizisten arrangieren sich irgendwann damit. Natürlich erwartet man sich mehr Rückhalt – auch von der Justiz was die Bestrafung von Angriffen gegen die Polizei angeht. Jedoch tritt das nur bedingt ein. Ich bin froh, dass die Bundesregierung nun die Strafgesetze verschärft, die härtere Sanktionen gegen Angriffe auf die Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste vorsehen.

Und was motiviert Sie jeden Tag?

Ich bin seit 38 Jahre Polizist, habe mich durch viele Verwendungen hochgearbeitet. Ich kenne die Arbeit auf der Straße, habe als Führungskraft aber auch viele einsame Stunden erlebt, in denen ich alleine Entscheidungen treffen musste, die mir niemand abnehmen konnte. Trotzdem sage ich: Ich liebe meinen Beruf.